Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums e.V.

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Berichte chronologisch

Sept 2020: Objekte: Gewusst wie? Zu magischen Handbüchern und den 8 vor der Schöpfung

Liebeszauber, Orakel, Trennungszauber, Bindezauber, Amulette, erotische Magie, Beliebtheitszauber, Horoskope, Siegeszauber, Zauber für Erfolg in jeglicher Hinsicht, Heilzauber, Schutzzauber, Offenbarungszauber, Traumzauber, Hellseherei, Schattenzauber, Gebete, Flüche und vieles mehr. Magie und Zauberei hatten schon immer Hochkonjunktur. Das alte Ägypten ist keine Ausnahme und so finden sich in allen Epochen Belege für Magie und Zauberei. Allen gemeinsam ist, dass mit göttlicher Hilfe die ganz unterschiedlichen Probleme und Leiden des Alltags und darüber hinaus bewältigt werden sollen. Dabei ist schon in der unvollständigen Zusammenstellung zu Beginn dieses Textes auffällig, dass Magie in mehrere Richtungen funktionierte: einerseits sollte etwas bewirkt werden, andererseits sollte unter Umständen genau dieses verhindert werden.
Einzelne Zaubersprüche, die auf einen konkreten Zweck und bestimmte Personen ausgerichtet waren, haben sich beispielsweise in Form von Amuletten erhalten. Daneben sind insbesondere aus der griechisch-römischen und byzantinischen Zeit in größerer Anzahl magische Handbücher überliefert. Diese sind nicht auf eine bestimmte Person zugeschnitten und konnten beliebig oft angewendet werden. Einige Exemplare haben sich recht vollständig erhalten und zeigen, dass mitunter viele verschiedene Zauberanweisungen und Zaubersprüche für denselben Zweck aufgelistet wurden. In der Regel findet man an den Stellen, an denen die Namen der Personen eingesetzt werden sollten, einen Platzhalter. Die magischen Handbücher sind also Sammlungen von Formularen, von denen für den konkreten Zweck ein Zauberspruch ausgewählt, mit den Namen der zu beeinflussenden Personen versehen und schließlich zum Einsatz gebracht wurde.
Ein besonderes Beispiel eines solchen magischen Handbuchs ist das Kunstwerk des Monats September: ein Papyrus mit einem Amulett, das Teil eines magischen Handbuchs ist.


Der Papyrus kam 1894 in die Berliner Papyrussammlung und stammte aus der Privatsammlung des Berliner Verlegers und Geschäftsmanns Rudolf Mosse. Leider ist der Papyrus nur sehr fragmentarisch erhalten. Auf beiden Seiten stehen kopfüber zueinander Reste von griechischen Texten, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Auf der hier nicht gezeigten Vorderseite kann man 39 Zeilen eines Protokolls eines Gerichtsprozesses sehen, vermutlich zwischen einem gewissen Heroneinos und einem gewissen Moderatos, den gegnerischen Parteien. Zum Inhalt lässt sich Genaueres kaum sagen, da nur die Mitte der Zeilen erhalten ist und man nicht abschätzen kann, wie viel fehlt. Der Text enthält kein Datum, kann aber aufgrund der Schrift in das 2. oder 3. nachchristliche Jahrhundert datiert werden. Da einzelne Ortsangaben enthalten sind, stammt er vermutlich aus dem Faijum, einer Großoase südwestlich von Kairo.
Die hier gezeigte Rückseite mit 34 Zeilen des magischen Textes wurde etwas später beschrieben. Aufgrund der Schrift ist der Text in das 3. Jahrhundert n.Chr. zu datieren. Auf der linken Seite sind die Zeilenanfänge zu erkennen. Ein oberer Rand ist deutlich sichtbar. Doch beginnt der Text dort nicht, da er in der ersten Zeile mitten im Satz anfängt. Zudem sind am linken Rand vor den Zeilenanfängen einige Schriftspuren zu erkennen, die zeigen, dass hier kein linker Rand erhalten ist, sondern lediglich der Zwischenraum zwischen zwei Kolumnen. Wir müssen also davon ausgehen, dass vor der erhaltenen Kolumne mindestens eine weitere Kolumne gestanden haben muss. Dies ist nun ein Phänomen, das eher bei magischen Handbüchern als bei einzelnen Zaubersprüchen, Amuletten o.ä. zu beobachten ist. Das erhaltene Fragment des magischen Amuletts ist somit lediglich ein kleiner Ausschnitt einer ursprünglich wohl mehrere Kolumnen umfassenden Rolle mit vielen magischen Anweisungen und Zaubersprüchen, über deren Inhalt man allerdings nur spekulieren kann.
Aus den erhaltenen Resten können wir aber immerhin etwas zum Inhalt dieses Amuletts sagen. Zu erkennen sind nämlich das Ende eines Gebetes und darunter der Beginn eines Zauberspruchs. Sie sind Teil eines Schutzamulett, auf das in Zeile 23 explizit Bezug genommen wird. Da sich von diesem Zauberspruch im unteren Bereich des Papyrus aber zu wenig erhalten hat, lässt sich nicht mehr sagen, welchem konkreten Zweck dieses Schutzamulett diente und wovor es schützen sollte.
Der größte Teil des bewahrten Textes widmet sich der Anrufung an den großen Gott, der die Welt erschaffen hat. Er wird als Agathos Daimon angesprochen und ausführlich beschrieben und gewürdigt. Die meisten Beschreibungen, Beinamen und Aspekte dieses Gottes, die hier zu Sprache kommen und aus ägyptischen religiösen Vorstellungen stammen, sind auch in anderen magischen Texten belegt und stellen keine Besonderheit dar.
Interessant sind dagegen die Begleiter des Gottes, die in den Zeilen 19 und 20 erwähnt werden.


Ihre Liste ist zwar auch nicht vollständig erhalten - lediglich vier Namen am Anfang und ein Name am Ende. Doch werden sie als Wächter des Gottes charakterisiert. Ihre Besonderheit in diesem magischen Amulett wird dadurch verdeutlicht, dass sie - wie auch andere magische Wörter - im laufenden Text durch Schrägstriche hervorgehoben werden. Durch andere Quellen lässt sich die Liste vervollständigen und erkennen, dass sich diese acht Wächter zu vier Paaren gruppieren: Heh/Hehet (Unendlichkeit), Kek/Keket (Finsternis), Nun/Nunet (Urgewässer) und Amun/Amunet (Verborgenheit). Dabei handelt es sich um Personifikationen der männlichen und weiblichen Aspekte des Zustandes der Welt vor der Schöpfung - dem Chaos. Sie werden zusammen als Achtheit bezeichnet und mit Hermupolis verbunden, das im Ägyptischen Chemenu = (Stadt der) Acht heißt. Diese acht Gottheiten erscheinen auch in anderen magischen Texten, sind aber insgesamt recht selten belegt. In der griechisch-römischen Zeit sind Anrufungen an die Achtheit neben diesem Berliner Text lediglich in einem heute in Leiden aufbewahrten magischen Handbuch zu finden. Auch dort sind sie im griechischen Text, so dass sich die nicht mehr erhaltenen Namen im Berliner Text gut ergänzen lassen.
Im Ägyptischen erscheinen sie häufiger, vor allem auch mit bildlichen Darstellungen in Reliefs, wie z.B. an der Ostwand der Osiriskammer des römischen Isistempels auf Philae, wo ihnen zusammen mit anderen Göttern vom Pharao geopfert wird, und auf der hier gezeigten Decke des Hethortempels in Dendera.


Dabei werden die Göttinnen mit Schlangenköpfen, die Götter mit Froschköpfen dargestellt, was ebenfalls darauf hinweist, dass es sich um Urwesen handelt.
Magie mit Schlangen und Fröschen? So fragmentarisch dieser Text ist, so zeigt er doch mit der Erwähnung der Achtheit das Fortleben von alten ägyptischen Vorstellungen in der römischen Zeit und ihre Nutzung für magische Zwecke.

Marius Gerhardt (Kurator der Papyrussammlung, Griechisch-lateinische Abteilung)

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