Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums e.V.

Bilderliste (zur Bilddarstellung bitte anklicken)
  •   d Nofretete-Kopf
  •   d Fragmente einer Doppelstatue
Zum vorherigen Artikel
8.  von  90  Artikeln
Zum nächsten Artikel

Berichte chronologisch

Okt 2003: Objekte: Statuenpuzzle im Grabungsschutt

Als Honorary Trustee der Amarba Research Foundation, die vom fernen Colorado aus die Grabungen in Amarna unterstützt, verfolge ich die Aktivitäten der englischen Kollegen von dyr University of Cambridge am ehemaligen Wirkungsort von Ludwig Borchardt in Achet-Aton, der Sonnenstadt Echnatons und der Noftetete, mit besonderer Aufmerksamkeit. Die vor nahezu 90 Jahren eingestellten Grabungen in Amama, die James Simon von der Deutschen Orient-Gesellschaft durchführen ließ, haben jüngst unvermutete Aktualität bekommen. Im Juli 2002 hatte uns in Berlin eine Mitarbeiterin von Barry Kemp, dem Grabungsleiter der Amarna-Grabungen, aufgesucht. Anlass des Besuchs von Kristin Thompson aus Wisconsin war ihr spezielles Aufgabengebiet beim Amarna-Projekt, die Untersuchung zahlloser kleiner Statuenbruchstücke, die sich im Grabungsschutt der Borchardtschen Grabungen 1911-1914 und der britischen Grabungen in den zwanziger und dreißiger Jahren gefunden hatten.

In mühsamer Kleinarbeit konnte Kristin Thompson feststellen, dass sich viele Fragmente in Materialgruppen vorsortieren ließen und dass Größenklassen definiert werden konnten, so dass ein zunächst völlig amorpher Steinhaufen Struktur annahm und nach und nach auch anpassende Fragmente gefunden wurden. Kristin Thompsen konnte schließlich 188 Fragmente aus dunkelgrauem Granodiorit identifizieren, die sich alle die sich alle einer Doppelstatue von Echnaton und Nofretete zuweisen lassen. Kristin Thompsons Interesse galt in Berlin zunächst den Grabungstagebüchem von Ludwig Borchardt, wo sie unter dem Datum vom 13. Dezember 1912 einen Hinweis auf 'Fragmente aus schwarzem Granit, fand, die schon Borchardt als zu einer unfertig gebliebenen unterlebensgroßen Doppelstatue Echnatons und der Nofretete zugehörig erkannte.

Nun war es für Kristin Thompson nur nöeh ein kleiner gedanklicher Schritt, einen Kopf der Nofretete aus diesem Material, unfertig und überlebensgroß, mit den in der Zwischenzeit über 200 Fragmenten zusammenzubringen - jenem Kopf aus der Werkstatt des Thutmosis, der in Berlin unter den Nofretete-Porträts einen der vordersten Plätze einnimmt, mit seiner samtenen Oberfläche, dem verschleierten Blick, dem zarten Rot auf den Lippen. Von allen anderen steinernen Köpfen aus dieser Werkstatt unterscheidet er sich dadurch, dass er am Halsansatz nicht einen Zapfen aufweist, der zur Verankerung der Köpfe auf gesondert gearbeiteten Statuen aus anderem Material diente. Die Bruchfläche am Hals und der Rest eines Rückenpfeiler weisen wie Dorothea Amold im New Yorker Ausstellungskatalog The Royal Warnen of Arnama erstmals festgestellt hat - unmissverständlich darauf hin, dass der Kopf von einer Statue aus gleichem Material gebrochen sein muss.

Um endgültige Klarheit zu gewinnen, sollte ein Gipsabguss des Berliner Kopfes auf den Halsansatz der aus den vielen, Fragmenten teilweise wieder zusammengesetzten Doppelstatue gesetzt werden. Der Leiter der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin, Axel Möller, stellte in vielfach bewährter Kollegialität nicht nur den Abguss zur Verfügung, sondern kümmerte sich auch um dessen Reise - nicht direkt nach Amama, sondern zunächst einmal in den Wilden Westen nach Wisconsin, von wo ihn Kristin Thompson im Handgepäck mit nach Amama nahm, um alle Unwägbarkeiten der Security Control im Griff und Blick zu haben. Es hätte ja nicht ausgeschlossen werden können, dass eine Luftfracht-Sendung des Ägyptischen Museums Berlin mit der Inhaltsangabe 'Head of Nefertiti' in Ägypten Anlass zu Fehlinterpretationen gegeben hätte. In ihrem Vorbericht in The Akhetaten Sun 7/1, May 2003, dem Mitteilungsblatt der Amama Research Foundation, teilt Kristin Thompson das Ergebnis der Zusammenfügung mit: ' ... the cast from Berlin fit peifectly onto the top of Nefertiti 's back pillar. ' Durch diesen großartigen Erfolg ermutigt und durch den langen Weg zu diesem Ergebnis geübt, hat Kristin Thompson Tausende von weiteren Statuenfragmenten gesammelt, nicht nur in den Gruben des Grabungsschutts, sondern, wie sie sagt, 'walking into the desert, and digging up chunks of statuary as if I were harvesting potatoes', also überall in und um Amama als Oberflächenfunde - wie Kartoffeln im Acker.

Die Berliner Magazine bieten noch allerhand Material, das Borchardt mit der Fundteilung nach Berlin brachte und zu dem schon jetzt weitere Fragmente in Amama identifiziert worden sind. Die nächste Statue kommt bestimmt.

Dietrich Wildung
(Artikel der Mitgliederzeitschrift aMun)

Zum vorherigen Artikel
8.  von  90  Artikeln
Zum nächsten Artikel

Überblick

Sie benutzen als Browser CCBot/2.0 (https://commoncrawl.org/faq/) Ihr Browser läßt sich leider nicht genauer ermitteln. | Textversion  | Hinweise zur Barrierefreiheit | Produziert von: RexPublica
Bitte beachten Sie die Hinweise zur Webanalyse